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Jury Everhartz


Jury Everhartz


Haydntrio
"Es gibt viele interessante Wege, sich Josef Haydn zu nähern und ihm gegenüber eine Position zu beziehen.
Nach einigen Überlegungen dazu und vor allem unter dem erfrischenden Eindruck der Klaviertrioaufnahmen des Haydntrios wollte ich aber etwas machen, das mit Nachdenken über Musik wenig zu tun hat.

Haydn beeindruckt mich wegen dieser gewissen aufregenden Selbstverständlichkeit seiner Musik. Dabei ist mir natürlich bewusst, dass diese Musik alles andere als selbstverständlich ist. Man darf ja nicht vergessen, zum ,Klassiker' hat Haydn erst die Romantik, oder der historistisch-romantische Stil der neuen Musikwissenschaft Ende des 19. Jahrhunderts gemacht.
Seine Zeitgenossen haben ihn – wie Mozart – als Romantiker erlebt und ihn auch so genannt. Haydn hat die Musik auf einen formellen Standard gebracht, der ihm die Möglichkeit gab, sich schon rhetorisch zu betätigen, indem er mit den Erwartungen, die seine Form mit sich bringt, spielen kann. Er kann sie jederzeit bestätigen oder enttäuschen, er kann also Aussagen machen, ,sich' ausdrücken. Das ist romantisch.

Aber aus unserer Perspektive: es ist ein Glück, diese ,Klassik' zu haben. Vor Haydn ist viel Musik, oder zumindest tendenziell, das Verstehen davon, von vorne her offen, das eigenartige Wort ,Vorimitation, ist ja schon ein Verweis darauf.
Nach Haydn und der vor allem immer stärker vom persönlichen Ausdruck bestimmten Musik öffnet sie sich eher nach hinten hin, je stärker das Bedürfnis nach dem Vermeiden einer ja nie persönlich geprägten ,Auflösung' wird.
In der kurzen Mitte, und dort möchte ich Haydn verorten, zur Zeit dieser ganz und gar dramatischen Anlage von Musik, die sich nicht ewig fortspinnt wie das Barocke und auch nicht ins Offene geht wie die Wege der sich immer weiter radikalisierenden Moderne, ist das so selbstverständlich, dass man eigentlich vergisst, wie wenig selbstverständlich das ist: Anfang und Ende.
Thema und Kadenz. J
edenfalls war mir klar, dass ich dieses eigenartige Plateau nicht verlassen will.
Das ist die Einladung von Joseph Haydn.

Die Erfindung einer Form ist ein bemerkenswert elitärer Luxus, analog dazu entsteht nämlich eine Illusion, eine Welt, die ihrer Übersichtlichkeit halber eine Art von Zuhause ist, eine biographische Topologie. Die Sonatenhauptsatzform ist ja vielleicht mehr eine Kompositionstechnik als ein zu füllendes formelles Schema. Sie gibt den Fluss der Erfindung vor, und auch deren Selbstbezüglichkeit und Selbstverortung.

Bei dieser lebensbejahenden, schnellen und produktiven Einfachheit wollte ich in der Komposition meines Trios bleiben.
Da hat der Mensch einen Kopf, ein Herz und zwei Füße.
Die Füße sind zum Hauptteil des Stückes geworden, sozusagen zentripedal, sie tragen eines der bohrendsten und eindringlichsten Themen aus dem ,Alla Ungarese' des G-Dur-Trios (Nr. 39) von hier nach dort, während der Kopfsatz mit der Entschlussfreudigkeit eines Haydnschen Sonatenhauptsatzthemas zu tun hat.
Die Sicherheit und wegen seines schnell wechselnden Metrums seltsame Entscheidungsunfähigket war ein produktiver Kontrast dazu, das Thema stammt aus einem Kinderstück für Klavier, das ich seit meiner Jugend kenne, aber leider nicht mehr weiß, woher (ich glaube, aus einer Klavierschule aus der DDR).
Der zweite Satz ist ein kurzes Innehalten, ein kurzer Gang durch ein Museum, gewissermaßen eine Musik hinter Glas, bevor dann das Eigentliche kommt: eine Musik im Geist des Joseph Haydn, ein verspäteter Kommentar, oder, sagen wir mal: eine Zugabe zu seinem Lebenswerk." (Jury Everhartz)

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Jury Everhartz Kristine Tornquist